Systemische Einzel- u. Familientherapie
Die systemische Betrachtungsweise fand in die Psychotherapie Anfang der fünfziger Jahre in den USA Einzug. Mehrere Gruppen von Therapeuten entwickelten Vorstellungen von Regelzusammenhängen innerhalb der Familien. Sie verstanden die Krankheit eines Familienmitgliedes nicht mehr als eine individuelle Problematik des Einzelnen, sondern als Ausdruck der Struktur der Beziehungen in der Familie.
Die eigentliche systemische Psychotherapie geht davon aus, dass ein Symptom aufgrund der Kommunikationsstruktur innerhalb einer Familie zu verstehen sei. So wird zum Beispiel verbal das Gegenteil von dem gesagt, was gestisch oder mittels Stimmlage vermittelt wird.
Systeme können jedoch auf vielerlei Ebenen betrachtet werden; das System einer Körperzelle, eines Körperorgans, eines Organsystems, der gesamte Körper mit seinen Subsystemen, das Individuum als Teil der Familie, die Familie als Ganzes bis hin zu größeren Organisationsformen wie Arbeitsformen, Städten oder Staaten.
Üblicherweise wird innerhalb der systemischen Therapie die Familie als das relevante System betrachtet, wenngleich dies eine nicht immer angemessene Einschränkung darstellt.
Es können auch andere Systeme in den Vordergrund treten: ein Paar, Mutter und Tochter, ein Teil der Arbeitswelt etc .
Familie wird verstanden als selbstregulierendes System, welches ziel- orientiert ist und sein Gleichgewicht (Homöostase) aufrechterhält. Dabei tauscht es mit der Umwelt Materie, Energie und Informationen aus. Die Homöostase wird durch dauernde Anpassungsprozeße an eine sich wandelnde Umwelt aufrechterhalten. In manchen Situationen sind allerdings Krisen vorhersehbar (Heirat, Geburt, Pubertät, Tod), die besondere Anpassungsleistungen und Neuorientierungen verlangen. Falls diese Anpassungen unterbleiben, entsteht pathologisches Verhalten.
Der Einzelne mit seinem Verhalten ist nur Teil der Pathologie. Um eine Vorstellung von der Gesamtheit des Problems zu bekommen, muss das entsprechende Verhalten aller Hitglieder des Systems berücksichtigt werden.
Der "Patient" ist - wie die anderen Mitglieder des Familiensystems - weder Opfer noch Täter, sondern Teil eines Gesamtsystems, welches das Verhalten bestimmt. Dabei wird das Symptom nicht nur als Einschränkung, sondern zugleich als Teil einer Lösung angesehen.
Die Therapie zielt demzufolge nicht auf die Veränderung der Persönlichkeit des Symptomträgers ab, sondern auf die Veränderung der Interaktionsmuster innerhalb des Systems. Dadurch wird das Symptom zur
Aufrechterhaltung des pathologischen Gleichgewichts nicht mehr erforderlich und verschwindet wie von selbst.
Systemische Einzeltherapie erscheint nach den obigen Ausführungen zunächst als ein Widerspruch in sich. Dem ist jedoch nicht so: wurde zunächst der individuelle Ansatz durch die systemische Sichtweise überwunden, kehrt die Entwicklungsspirale nach der Zuwendung zu komplexeren Systemen nun quasi eine Stufe höher zur Einzeltherapie zurück, wobei die Erkenntnisse, die in der systemischen Familientherapie gewonnen wurden, eingebracht werden.